Im ersten Interview zum Carsharing in Berlin stand uns Birger Holm von Greenwheels Frage und Antwort. Wir befragten ihn zu Fahrgemeinschaften im Allgemeinen, als auch zum aktuellen Preiskampf, steigenden Wettbewerb und der Zukunft des Carsharing.
Herr Holm, wie kam es zur Entstehung von Greenwheels und seit wann gibt es Ihr Angebot in Berlin?
Greenwheels wurde im Jahr 1995 von zwei damaligen niederländischen Studenten gegründet, die sich einer nachhaltigen, ökologisch verträglichen Auto-Mobilität verpflichtet fühlen. Nachdem Greenwheels großen Erfolg hatte, stand für das Unternehmen perspektivisch eine Expansion in das europäische Ausland an. Die 1988 bzw. 1991 in Berlin bzw. Hamburg gegründeten ersten deutschen Carsharing-Unternehmen, die 1998 zur stattauto AG verschmolzen waren, kaufte Greenwheels folgerichtig im Jahr 2004. 2006 beendete zudem ein großer Mineralölkonzern sein Engagement im Carsharing, das er erst 2003 begonnen hatte. Auch hier griffen die Niederländer zu und formten damit das größte deutsche Carsharing-Einzelunternehmen, die Greenwheels GmbH mit Sitz in Berlin. Heute betreibt das Unternehmen in 22 deutschen Städten 270 Carsharing-Stationen und in den Niederlanden in 75 Städten und 1.100 Carsharing-Stationen.
Für wen ist das Carsharing aus Ihrer Sicht besonders attraktiv und für wen eher nicht?
Carsharing ist sinnvoll für Führerscheininhaberinnen und –inhaber, die ihre Alltagsmobilität im Wesentlichen mit dem Ö(PN)V, dem Fahrrad oder zu Fuß gestalten, aber ab und zu dennoch auf einen Pkw zurückgreifen müssen oder wollen. Das sind viel mehr Menschen als aktuell am Carsharing teilnehmen. Erstaunlich: Statistisch stehen private Pkw rund 23 Stunden am Tag ungenutzt herum, produzieren aber dennoch die ganze Zeit Kosten wie Wertverlust (Wiederbeschaffung), Steuern, Versicherung, Inspektionen, Stellplatz- oder Garagenkosten etc. Ein durchschnittliches FZ der unteren Mittelklasse kostet ca. 450 Euro im Monat (inkl. Kraftstoff). Kalkuliert man für eine Monatskarte des ÖPNV ca. 80 Euro und für Carsharing 50 Euro, dann ersparen diese 130 monatlich für Mobilität aufgewendeten Euro gut 300 Euro im Monat. Damit läßt sich über Jahre eine komplette private Altersvorsorge finanziell aufbauen, es könnten schöne Reisen unternommen oder eine größere Wohnung gemietet oder gekauft werden. Fazit: Carsharing steigert die urbane Lebensqualität erheblich- und ist ökologisch viel weniger umweltbelastend als das private Auto.
Greenwheels bietet verschiedene Tarife an, an welche Kundentypen richten sich diese und wie werden sie genutzt?
Die Greenwheels-Angebote richten sich sowohl an Privat- als auch Businesskunden. Beide Kundengruppen können je nach individuellem Bedarf aus unterschiedlichen Tarifen auswählen. Dabei gilt das Motto: Je höher der gewählte Monatsgrundpreis ist, desto weniger kostet die gebuchte Stunde und der zurückgelegte Kilometer. Rund 75 Prozent der Kunden haben sich für den Wenigfahrer-Tarif “5″ entschieden. Die übrigen 25 Prozent verteilen sich auf die Tarife “15″, “25″ und “50″ (nur Business). Gebucht werden kann dabei ab einer Viertelstunde Nutzungsdauer. Konsequenter kann man das Greenwheels-Motto “Das Auto für ab und zu” nicht umsetzen…
An wievielen Standorten in Berlin können Ihre Fahrzeuge gebucht werden und in welchen Bezirken kommt das Carsharing besonders an?
Greenwheels ist als einziger Anbieter in allen Berliner Bezirken vertreten. Aktuell geschieht das an knapp 80 Stationen. Ebenfalls als einziger Anbieter haben wir uns zudem nicht nur die hochverdichteten “Filetstückchen” ausgesucht, an denen sich die Kunden ballen, sondern haben im Interesse der Nutzerinnen und Nutzer auch dort Stationen wo es wirtschaftlich schwieriger ist, die Fahrzeugkosten zu erlösen.
Sie kooperieren mit der Autovermiertung Hertz. Nachdem Sixt bereits in den Carsharing-Markt eingestiegen ist, plant dies nun auch ihr Partner. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Als gebürtiger Hanseat sage ich höflich aber bestimmt: Wir sind nicht amüsiert. Es ist unschön, wenn man solche Entwicklungen nach 10 Jahren Kooperation aus der Zeitung erfährt. Im Kern aber ist dies ein lösbares Problem. Sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland sind wir bereits weit fortgeschritten beim Aufbau einer neuen Kooperation mit einem anderen hervorragend aufgestellten Autovermieter.
Im Vergleich erscheinen gerade die Stundenpreise bei Greenwheels nicht mehr wettbewerbsfähig. Wie stehen Sie zum Preiskampf gerade im Kleinwagenbereich?
Unsere Kunden schätzen an uns die Nähe unserer Stationen zu ihren Wohnstandorten. Kein anderer Anbieter in Berlin, Hamburg, Düsseldorf und anderen Städten verfügt jeweils über ein so dichtes Stationsnetz wie Greenwheels, das sich eben auch Standorten außerhalb der klassischen Kieze annimmt. Zudem bezahlen wir unsere Mitarbeiter so, dass diese ihre Familien ernähren können. Weiter erhalten wir keine steuerngespeisten Quersubventionen großer Staatskonzerne, bei denen es nicht wundern würde, wenn eine genaue Überprüfung ergäbe, dass die Konstruktion dem EU-Recht widerspricht. Auch ist unser Angebot keine Imagekampagne notleidender Autovermieter, die in Wahrheit ihren Milliarden-Euro-Umsatz als Gebrauchtwagenhändler erzielen. Auch wenn es banal klingen mag: Wir müssen unser Geld tatsächlich Monat für Monat mit unserem Carsharing-Angebot verdienen. Preislich können wir dabei allemal mithalten. Eine 24-Stunden-Buchung an einer “Jokerstation” kostet dabei gerade einmal 1,25 Euro je Stunde – das halte ich für außerordentlich wettbewerbsfähig.
Wie wird sich Carsharing künftig entwickeln und was halten Sie von Modellen wie “Car2go”?
Ich darf hierzu Manfred Krug aus seiner Jazz- und Lyrik-Epoche der 60iger Jahre zitieren: “Das Flugwesen, Genossen Bauern, entwickelt sich”. Spaß beiseite – die Kostensteigerung beim privaten Pkw liegt erheblich über der Entwicklung der allgemeinen Lebenshaltungskosten. Das gilt also nicht nur für die reinen Kraftstoff-, sondern für sämtliche Anschaffungs-, Unterhalts- und Betriebskosten. Setzt sich diese Entwicklung fort – und davon ist auszugehen – werden immer mehr Menschen gezwungen sein auch am eigenen Auto zu sparen. Um trotzdem alltagstaugliche Auto-Mobilität bei Bedarf nutzen zu können, wird das Autoteilen allein aus Kostengründen immer beliebter werden. Vor diesem Hintergrund sind alle Versuche sinnvoll, die das Carsharing noch effizienter machen und neue Erfahrungen in Bezug auf Kundenakzeptanz hervorbringen. Wir beobachten das natürlich sehr aufmerksam und arbeiten gleichzeitig selber verstärkt an neuen Konzepten.
Vielen Dank für die offenen und lesenswerten Antworten!



Es ist schon ein starkes Stück, wie Herr Holm sich die Realität zurechtschneidert! Als Greenwheels im letzten Jahr die Preise mehr als verdoppelt hat, war man dort so selbstsicher, den empörten Kunden zu raten, sie sollen doch nachts und nur für kürzeste Zeit ein Auto mieten – das sei nach wie vor bezahlbar. Dass man genau die Fahrten, für die man Carsharing braucht (Einkaufen, Oma auf dem Land besuchen…) eher am Wochenende macht und zudem nicht in einer Stunde erledigt, interessierte damals keinen. Jetzt auf einmal bietet man Jokerstandorte an, an denen man (sieh an!) Autos auch für längere Fahrten zu Sonderpreisen bekommt. Kein Wunder, ich sehe die Greenwheels-Autos in meiner Stadt vor allem unbenutzt herumstehen. Und der größte Witz: Holm bemüht als Vergleich einen PKW der “unteren Mittelklasse”, der 450 Euro im Monat kostet. Mag sein: Was Greenwheels vermietet, sind aber Kleinstwagen, in die man nicht einmal einen Wochenendeinkauf hineinbringt! Und dann sagt er, das Carsharing kostet 50 Euro im Monat. Hat Herr Holm mal ausgerechnet, wie weit man für 50 Euro bei Greenwheels kommt? Lachhaft. Gottseidank gibt es immer mehr Konkurrenz, wo auch ich inzwischen zufriedener Kunde bin.
Hallo,
wer ist denn “die Konkurrenz?
fragt ein Neueinsteiger in Sachen Car Sharing..
danke für eine Rückantwort -
Martha
Ich kann mich meinem Vorschreiber nur anschließen. Was sich Greenwheels seit seinem Antritt in Berlin Mitte 2006 leistet, sind ein undurchsichtiges, nicht wettbewerbsfähiges Preissystem mit einer unverständlichen Verwaltungsgrundgebühr von 72,- Euro im Jahr, ein schlechtes Kundenmanagement (Schäden werden nach meiner Erfahrung über E-Mail und nicht mit kontinuierlichem Ansprechpartner am Telefon abgewickelt; Telefonberater wirken unprofessionell und ungeschult) und einer Marken-Kommunikation, die niemand versteht (Was bedeutet dieser grüne Hui?). Alles, wie man´s nicht machen soll. Da lobe ich mir Wettbewerber, wo man z.B. den Preis klar vor Fahrtantritt kalkulieren kann. Ich bin inzwischen auch bei der Konkurrenz.
Als Dauerquernutzer der bis 2006 existenten StattAuto Berlin wurde ich nach kurzer Zeit von Greenwheels als Dauerquernutzer in Berlin kurzerhand gekuendigt. Greenwheels laesst m.E. als Einzigster carsharing-Anbieter keine Quernutzung mehr zu. Die Fahrzeug-Vielfalt wurde zusammengestrichen, die Preise erhoeht. Nur die Anzahl der Stationen ist noch attraktiv – das ist dann aber schon alles.
Der carsharing-Anbieter, bei dem ich zufriedener Kunde bin, baut jetzt kurzerhand ein eigenes Netz aus.
“Kein anderer Anbieter in Berlin, Hamburg, Düsseldorf und anderen Städten verfügt jeweils über ein so dichtes Stationsnetz wie Greenwheels…” so sprach Birger Holm. Damit hat er definitiv unrecht, denn er ignoriert, daß Teilauto in Dresden mit mehr als 70 Fahrzeugen an 45 Stationen ein deutlich größeres Netz betreibt als Greenwheels mit 11 Fahrzeugen an 11 Stationen. Und das nicht erst seit dem Zeitpunkt des Interviews. Das Netz von Teilauto ist seit deren Start 2006 stark ausgebaut worden, wohingegen das Netz von Greenwheels seit der Shelldrive-Übernahme stark geschrumpft ist. Aber wie auch immer, wenn man die Konzepte beider Anbieter nebeneinanderstellt wundert mich das garnicht, da Greenwheels sich nicht auf den Bedarf der Kundschaft eingestellt hat.
Vielen Dank für die Info`s. Ich ziehe gerade nach Dresden und überlege wo ich mich anmelden sollte. Die Beiträge habe mir sehr geholfen bei meiner Entscheidung. Und soviel steht fest: Greenwheels wird es definitiv nicht….
Nettes Interview. In Sachen Carsharing ist Berlin vorbildlich.
“Greenwheels ist als einziger Anbieter in allen Berliner Bezirken vertreten.”
Hhm, ich kann in Lichtenberg keinen einzigen Standort finden & mit einer PLZ von 103xx noch durchaus als halbwegs zentral anzusehen.
Generell sieht es außerhalb vom S-Bahnring im Osten, mal von Köpenick abgesehen, sehr mau aus.
Da lobe ich mir doch die “Newbies” in der Branche Herzt & Sixt, denn mit denen fahre ich gerade dort im wahrsten Sinne des Wortes sehr gut.
Die Tarife sind auch wesentlich einfacher und nicht verschiedene Monatstarife, Stundenpreise, Kilometerpreise, Kraftstoff etc. pp.
Och nöoo, Greenwheels brauche und vermisse ich bisher nicht.
Wenn ich mir die Webseite von “connected by hertz” ansehe, dann muß ich an der Seriosität von Hertz zweifeln, denn mir ist es nicht gelungen die Stunden- und Kilometerpreise zu erfahren. Lediglich die Aussage “ab 1,50 Euro pro Stunde” habe ich gefunden. Sind die Manager von Hertz der Meinung, über Geld müsse man nicht reden?
Carsharing ist eine gute Sache und Greenwheels macht einen guten Job. Bei wirklich wichtigen Terminen hätte ich aber bedenken, ob dann auch ein Carsharing Auto in der Umgebung zu verfügung steht.